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'Klimakrise' von GEORGE MONBIOT
Ich möchte Ihnen kurz ins Gedächtnis rufen, woher wir kommen.
In den ersten drei Millionen Jahren der Menschheitsgeschichte wurde unser Leben von den jeweiligen Umständen bestimmt, von den Zufällen der Elologie. Wie alle Tiere lebten wir in Angst vor Hunger, Räubern, dem Wetter und Krankheiten.
Nachdem wir erst einmal die Grundlagen der Landwirtschaft und der Vorratswirtschaft erlernt hatten, kannten wir mehrere Jahrtausende lang größere Nahrungssicherheit und hatten auch bald die meisten unserer nicht-menschlichen Räuber vernichtet. Allerdings stand unser Leben unter der Herrschaft des Schwerts, der Axt und des Speers. Gekämpft wurde um Land, das wir nicht nur für den Anbau unserer Feldfrüchte brauchten, sondern auch als Energiequelle – Weiden für unsere Pferde und Rinder, Holz für unser Feuer.
Dann entdeckten wir fossile Brennstoffe, und mit einem Schlag war alles anders. Wir brauchten nicht mehr von der ambienten Energie zu leben, wir konnten das Sonnenlicht nutzen, das in den vergangenen 350 Millionen Jahren gespeichert worden war. Aufgrund dieser neuen Energiequellen konnte die Wirtschaft wachsen – und zwar so sehr, dass einige der durch die früheren Landstreitigkeiten vertriebenen Menschen Aufnahme fanden. Fossile Brennstoffe ermöglichten es der Industrie, sich auszudehnen, ebenso wie den Städten, und das wiederum ermöglichte den Arbeitern, sich zu organisieren und die Despoten zu zwingen, ihren Würgegriff zu lockern.
Mit fossilen Brennstoffen konnten wir Kriege führen, deren Grauen ungekannte Ausmaße annahm, andererseits verringerten diese Brennstoffe auch die Notwendigkeit von Kriegen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, ja zum ersten Mal in der Geschichte der Biologe, bestand ein Überangebot von Energie. Wir konnten Leib und Seele zusammenhalten, ohne jemanden wegen der nötigen Energie zu bekämpfen. Die landwirtschaftliche Produktivität stieg um das 10- oder 20-fache, die ökonomische Produktivität um das 100-fache. Die meisten von uns führten ein Leben wie niemals jemand zuvor.
Und alles, was wir um uns sehen, beruht darauf. Nur dank fossiler Brennstoffe konnten wir uns aus allen Regionen der Welt hier versammeln. Wir wurden wegen der fossilen Brennstoffe nicht – oder noch nicht – von den Freisassen angegriffen und niedergeschlagen. Unsere Freiheiten, unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand beruhen alle auf fossilen Brennstoffen.
Keine Generationen vor uns waren je derart vom Glück begünstigt wie die unseren, aber auch keine Generationen nach uns werden es sein. Wir leben in dem kurzen historischen Zeitfenster zwischen ökologischer Beschränkung und ökologischer Katastrophe.
Ich brauche Sie nicht eigens an die beiden Kräfte zu erinnern, die auf unser Leben einwirken. Zum einen müssen wir uns der bevorstehenden Verknappung der Energiequelle stellen, die am schwersten zu ersetzen ist – flüssiger fossiler Brennstoff. Und wir müssen die Folgen bewältigen, die das Verbrennen fossiler Brennstoffe, dessentwegen wir hier stehen können, für die Umwelt hatte. Die Struktur, die Fülle, die Vielfältigkeit unseres Lebens, alles, was wir kennen und was wir für gegeben hielten, alles, was als solide und unverrückbar galt, ist plötzlich in Frage gestellt. Das alles ist ein riesiger Haufen, der prekär auf einem Ball balanciert, und zwar auf einem Ball, der demnächst bergab rollt.
Ich höre die Menschen von der Reduzierung im CO2-Ausstoß sprechen, die sie anpeilen. Mich interessiert nicht, was die Menschen anpeilen. Mich interessiert, was die Naturwissenschaft sagt. Und die Naturwissenschaft spricht eine klare Sprache. Wir brauchen keine Reduzierung um 20 Prozent bis 2020, keine Reduzierung um 60 Prozent bis 2050, sondern eine Reduzierung um 90 Prozent bis 2030. Nur dann haben wir eine Chance, dass die atmosphärische CO2-Konzentration unter 430 ppm bleibt, folglich haben wir nur dann eine reelle Chance, einige der prognostizierten positiven Rückkoppelungen zu verhindern. Wenn wir zulassen, dass die Konzentration diesen Punkt überschreitet, sind wir machtlos. Dann übernimmt die Biosphäre die Rolle als primäre Kohlenstoffquelle, das Problem ist uns aus der Hand genommen.
Der Gedanke, wir könnten das Ziel erreichen, allein indem wir fossile Brennstoffe durch ambiente Energie ersetzen, ist Traumtänzerei. Sicher stellen Wind, Wellen, Gezeiten und das Sonnenlicht unangezapfte Energiequellen dar, doch sind sie weder so konzentriert noch so beständig, dass wir sie nur zu nutzen brauchten, und schon könnten wir einfach weitermachen wie bisher.
Eine derartige Reduzierung verlangt massives Zurückfahren beim Energieverbrauch. Es gibt mehrere technische Lösungen, doch mit ihnen allein erreichen wir das Klassenziel höchstens zur Hälfte. Wenn der CO2-Ausstoß um zehn Prozent verringert werden soll, muss der Energieverbrauch um mehr als 50 Prozent sinken. Der einzig gerechte Weg, das zu tun, sind nationale Rationierungen sowie globale Einsparungen und Absprachen.
Wir befinden uns in einer höchst außergewöhnlichen Situation. Dies ist die erste politische Massenbewegung, die nicht mehr fordert, sondern weniger. Die erste, die für die Einführung von Askese auf die Straße geht. Die erste, die verlangt, dass unser Luxus, sogar unser Komfort beschränkt werden.
Das sind die größten politischen Herausforderungen, denen sich eine Bewegung je gegenüber sah. Doch wir wachsen an ihnen, und wir erheben die Stimme. Aber glauben Sie niemandem, der behauptet, es würde leicht sein. Wäre es lediglich eine Frage dessen, George Bush zu überstimmen, hätten wir schon längst gewonnen. Doch wir müssen nicht nur ihn bekämpfen, nicht nur unsere jeweilige eigene Regierung und auch nicht nur einander, sondern vor allem uns selbst. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein Kampf gegen einen Großteil dessen, was wir geworden sind. Er ist ein Kampf gegen einige unserer grundlegenden Feste.
Wir können nicht von anderen fordern, auf Flüge zu verzichten, wenn wir selbst noch fliegen. Wir können den Staat nicht auffordern, uns zu Veränderungen zu zwingen, wenn wir zu Veränderungen nicht bereit sind. Der größte Kampf für jeden von uns wird nicht nur dort draußen ausgefochten, sondern auch hier drinnen.
George Monbiots neuestes Buch Heat: how to stop the planet burning erschien im Herbst 2006 bei Penguin (dt. Ausgabe [aus dem Engl. v. Gisela Kretschmar]: Hitze: wie wir verhindern, dass sich die Erde weiter aufheizt und unbewohnbar wird München (Riemann) 2007).
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